Wie kommt man auf so eine Idee, eine Zeit das Leben auf der Straße zu teilen?

Ich glaube, dass das Projekt mehr mich gefunden hat, als dass ich es entworfen hätte. Während meiner Basisausbildung in Prozessorientierter Psychologie, musste jeder Teilnehmende ein Projekt entwickeln, das zwar im Zusammenhang mit seinem Beruf steht, aber nicht zur Berufsroutine gehört. Ich plante zu dieser Zeit ein Sabbatjahr und wusste, dass ich mich in der Folge für einige Jahre als Pfarrer von meiner Landeskirche beurlauben lassen würde, um meine Frau, die sich auf eine Pfarrstelle in der französischen Kirche beworben hatte, zu begleiten. Mein Beruf ist mir aber auch Berufung. Wie ist man denn Pfarrer ohne Pfarrstelle? Ich wollte die Frage klären, was meine eigentliche Berufung ist, meine „priesterliche Identität“ jenseits von Pfarramt und Institution Kirche. In der Projekterarbeitung war schnell deutlich, dass das Projekt mit Randgruppen unserer Gesellschaft zu tun haben sollte. Soziales Engagement gehört für mich zum wesentlichen Ausdruck christlichen Glaubens. In meinen Projektnotizen fand sich unter anderem das Stichwort „Praktikum in der Obdachlosenarbeit“. An einem Morgen des Seminars sollte jeder die Bausteine, die er für sein Projekt bereits gefunden hatte, auf einem Plakat notieren. In dem Moment, als ich die Wörter „Praktikum in der Obdachlosenarbeit“ aufschrieb, schoss mir der Gedanke durch den Kopf: Selbst obdachlos sein! Ich war tief erschrocken. Meine innere Antwort war: Das machst du nicht! Und das sagst du auch keinem in der Peergroup, weil die anderen dann mit Sicherheit sagen: Das ist es!

 
Zugleich war mir bewusst, ja – das ist es. Die Eckdaten waren schnell klar. Ich würde ohne Bankkarte und Geldreserven losziehen, um meinen Lebensunterhalt mit dem zu sichern, was sich auf der Straße ergeben würde. Ich würde in Deutschland und in Frankreich unterwegs sein, weil das eine meine Heimat ist und das andere für die nächsten Jahre mein Zuhause werden würde.

Zwei Unterbrechungen habe ich geplant aus Rücksicht auf meine Frau und meine Kinder und um die Möglichkeit zu haben, jeweils auf einen Abschnitt zurückzuschauen und in Rücksprache mit der das Projekt begleitenden Ausbildungsgruppe überlegen zu können, wie es weitergeht.